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Zwischen Muschelsuchern und Familiengeheimnissen: Auf den Spuren Rosamunde Pilchers von St Ives bis Devon

Wenn ich durch die schmalen Gassen von St Ives streife, das Meer zwischen den weiß getünchten Fischerhäusern aufblitzen sehe und an verwitterten Mauern vorbeikomme, verstehe ich sofort, warum Cornwall so eng mit Rosamunde Pilcher verbunden ist. Für mich scheint hier hinter jeder Tür eine Familiengeschichte zu beginnen, in jedem Garten ein Geheimnis zu schlummern und am Horizont die nächste große Heimkehr zu warten.

Die Verbindung zwischen Rosamunde Pilcher und dieser Gegend ist tatsächlich eng. Sie wurde am 22. September 1924 in Lelant geboren und wuchs in Cornwall auf. Wenn ich durch die Landschaft rund um St Ives und Lelant fahre, kann ich gut nachvollziehen, wie sehr diese Küste ihre Geschichten geprägt haben muss. 1946 heiratete sie Graham Pilcher und zog mit ihm nach Schottland. Cornwall blieb jedoch ein wichtiger Teil ihrer Erinnerungen und ihrer literarischen Welt.

In ihren Romanen wird St Ives nicht durchgehend unter dem Namen Porthkerries bezeichnet. Porthkerries ist vielmehr ein fiktiver Ort, der in einzelnen Erzählungen vorkommt. Eine pauschale Gleichsetzung mit St Ives wäre daher irreführend. Wenn ich durch die Stadt gehe, stelle ich mir trotzdem vor, wie ihre Figuren durch ähnliche Gassen spazieren, am Hafen stehen oder in einem alten Haus auf eine längst vergessene Familiengeschichte stoßen.

Rosamunde Pilcher beschreibt Landschaften nie nur als hübsche Kulisse. Bei ihr besitzen Häuser Erinnerungen, Gärten hüten Geheimnisse, das Wetter kündigt Veränderungen an und das Meer weiß meistens längst, was die Menschen erst noch herausfinden müssen. Genau das spüre ich auch in St Ives. Die Stadt erzählt für mich nicht nur von ihrer Gegenwart, sondern immer auch von ihrer Vergangenheit.

Besonders muss ich hier natürlich an „Die Muschelsucher“ denken. Der 1987 erschienene Roman verbindet das Meer, die Kunst, Erinnerungen und eine Familie, deren Beziehungen noch verwickelter sind als die Gassen des alten Fischerortes. Ich habe das Buch zu Hause und ganz oft schon gelesen. Die Handlung spielt allerdings nicht einfach in St Ives: Im Mittelpunkt steht Penelope Keeling, die in London lebt; wichtige Teile ihrer Lebensgeschichte und der Romanhandlung führen jedoch nach Cornwall. Wenn ich durch die Stadt gehe, kann ich mir gut vorstellen, wie die Themen des Romans – Kunst, Herkunft und Erinnerung – in diese Umgebung passen.

Auch Titel wie „Das leere Haus“, „Stürmische Begegnung“, „Heimkehr“, „Blumen im Regen“ oder „Ende eines Sommers“ tragen für mich etwas von dieser Cornwall-Stimmung in sich. Nicht alle Geschichten spielen in Cornwall oder an einem eindeutig bestimmbaren realen Ort. Aber schon die Namen klingen nach salziger Luft, knarrenden Türen, Teetassen am Fenster und einem Himmel, der seine Meinung mehrmals am Tag ändert.

St Ives zeigt mir dabei die weniger herausgeputzte Seite dieser Welt: Fischerboote bei Ebbe, windschiefe Treppen, volle Gassen, kreischende Möwen und verwitterte Mauern. Gerade diese Mischung macht den Ort für mich so glaubwürdig und lebendig.

Wer tiefer in die Welt der Pilcher-Verfilmungen eintauchen möchte, kann einen Abstecher nach Prideaux Place bei Padstow einplanen. Das eindrucksvolle Herrenhaus ist seit mehr als 400 Jahren und über 14 Generationen hinweg Familiensitz der Familie Prideaux-Brune. In den historischen Räumen, im Park und zwischen den zahlreichen Antiquitäten und Kunstwerken lässt sich jene Mischung aus Familiengeschichte und englischer Eleganz erleben, die viele mit Rosamunde Pilcher verbinden.

Prideaux Place diente unter anderem als Drehort für „Heimkehr“, „Das Ende eines Sommers“ und „Das große Erbe“. Der Hausherr ist in den Filmen gelegentlich sogar in kleinen Nebenrollen zu sehen. Gerade dieser persönliche Bezug macht den Ort für mich besonders reizvoll: Das Anwesen ist nicht bloß eine Filmkulisse, sondern weiterhin ein privat bewohnter Familiensitz.

Besichtigt werden kann Prideaux Place im Rahmen von Führungen, die teilweise auch auf Deutsch angeboten werden. Zum Anwesen gehören ein weitläufiger Park, ein alter Hirschpark sowie ein reicher Bestand an Antiquitäten und Kunst. Wenn ich durch das Gelände gehe, kann ich mir gut vorstellen, wie eine typische Fernsehszene beginnt: Eine elegante Limousine fährt über die Allee, im Hintergrund rascheln die Bäume, und irgendwo im Haus wartet bereits jemand, der mehr weiß, als er zunächst verraten möchte.

Auch die Umgebung von Padstow passt wunderbar zu dieser Stimmung. Im Hafen treffen Fischerboote, alte Steinhäuser und kleine Geschäfte aufeinander. In der nahe gelegenen Rock Bay warten weite Strände, Dünen und der Blick über die Camel-Mündung. Für mich bildet diese Landschaft eine schöne Verbindung zwischen dem Cornwall der Romane und dem Cornwall der Filme.

Wer weitere Küstenorte mit Pilcher-Atmosphäre entdecken möchte, kann von St Ives aus in Richtung Nord-Cornwall fahren. Besonders schön finde ich Port Isaac mit seinen engen Gassen, weißen Häusern und dem kleinen Hafen.

Ebenfalls lohnenswert sind Tintagel, Boscastle und Bude. In Tintagel liefern die Burgruine, die hohen Klippen und der Wind vom Atlantik eine Kulisse, in der man sich leicht eine längst vergangene Liebe oder ein gut gehütetes Familiengeheimnis vorstellen kann. Boscastle wirkt zwischen steilen Felsen besonders bei wechselhaftem Wetter geheimnisvoll. In Bude zeigen lange Sandstrände, Klippenwege und das raue Meer eine wildere Seite Cornwalls. Stimmungsvolle Reiseziele sind sie alle – pauschal belegte Rosamunde-Pilcher-Drehorte jedoch nicht.

Wer die Reise über die Grenze nach Devon ausdehnen möchte, findet auch dort zahlreiche Küstenorte mit ähnlicher Atmosphäre. Clovelly an der Nordküste Devons ist mit seinen steilen, kopfsteingepflasterten Gassen, den weißen Häusern und dem Blick auf das Meer besonders malerisch. Der Ort wirkt beinahe wie eine Filmkulisse und passt wunderbar zu einer Geschichte über Rückkehr, alte Familienbande und unerwartete Begegnungen. Einen besonderen belegten Bezug zu Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen sollte man daraus allerdings nicht ableiten.

Mein persönlicher Tipp für alle Pilcher-Liebhaberinnen: Ich würde „Die Muschelsucher“ unbedingt mit auf die Reise nehmen oder vor dem Besuch noch einmal ein paar Seiten darin lesen. Am schönsten finde ich es mit einer Tasse Tee, einem Scone und Blick auf das Meer. Dann brauche ich eigentlich nur noch eine Frau, die gedankenverloren am Fenster steht, und einen etwas wortkargen Engländer, der in einem alten Land Rover vorfährt.

In St Ives, an den Küsten Nord-Cornwalls, in Prideaux Place und vielleicht auch in Devon würde mich beides nicht überraschen.

Herzlich soll Anette

Eine Antwort auf „Zwischen Muschelsuchern und Familiengeheimnissen: Auf den Spuren Rosamunde Pilchers von St Ives bis Devon Hinterlasse einen Kommentar

  1. Wie immer triffst du mich voll im Herzen. Ich bin ja schon Jahrzehnte verliebt in all die schönen Romane von RP und immer wenn ich früher eine Reise in mein geliebtes GB machte, war ein Roman von ihr dabei. Ich liebe alle Filme und erlebe so oft Erinnerungen an meine eigenen Erlebnisse auf den Reisen. Herzlichen Dank für deine wunderschönen Erzählungen ❤️

    Liebe Grüße Anita 😍

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