Dem Herbst noch ein wenig Zeit schenken

In den Geschäften ist Weihnachten bereits eingezogen. Es glitzert in den Regalen, Lichterketten warten auf ihren Einsatz, und die ersten Nikoläuse stehen stramm neben den Kassen. Man könnte meinen, der Dezember habe sich heimlich im Kalender vorgedrängelt.
Ich sehe mir das alles durchaus gern an. Ein schöner Stern darf meine Aufmerksamkeit bekommen, und manchmal wandert auch schon eine kleine Entdeckung für später in meine Tasche. Schließlich kann man sich ja vorbereiten. Aber zu Hause, in meinem Wohntheater, ist noch immer Herbst.
Solange die Sonne am Nachmittag so freundlich durch die Fenster scheint und draußen die Blätter ihre Farben wechseln, möchte ich nicht schon den Winter ins Haus bitten. Er wird früh genug anklopfen. Und wenn ich ihn kenne, bringt er kalte Füße und lange Abende gleich mit.

Noch aber gehört die Bühne dem Oktober.
Ein Haus im Takt der Natur
Ich mag es, wenn mein Zuhause erzählt, was gerade draußen geschieht. Wenn ein Zweig vom Spaziergang auf dem Tisch liegt und die letzten Blätter an ihm langsam trocknen. Wenn eine Schale mit Birnen in der Küche steht, weil ihre Formen so schön sind, dass sie beinahe zu schade zum Essen wären. Beinahe.
Es braucht dafür gar nicht viel. Ein paar Zweige, ein Fundstück aus dem Garten, Kerzenlicht am Abend und vielleicht ein Kissen aus weichem Samt. Dazu die Dinge, die mich schon lange begleiten: ein alter Leuchter, ein besonderes Stück Porzellan oder eines meiner Porträts, dessen Bewohner das Treiben im Wohntheater mit stiller Gelassenheit betrachten.
Mein Wohntheater glitzert und blinkt jetzt noch nicht. Die Lichterketten dürfen sich ausruhen, während die tief stehende Herbstsonne ihre ganz eigene Vorstellung gibt. Sie wandert über die Wand, bleibt einen Moment auf einem Glas liegen und verschwindet, als hätte sie noch einen anderen Termin.
Vielleicht ist es genau dieses Licht, das mich im Herbst immer wieder berührt. Es ist nicht mehr so selbstverständlich wie im Sommer. Es kommt später, bleibt kürzer und macht sich dadurch auf eine ganz besondere Weise bemerkbar. Man möchte ihm einen Stuhl anbieten und sagen: Bleib doch noch ein bisschen.

Warum wir die Jahreszeiten brauchen
Die Jahreszeiten erinnern mich daran, dass das Leben seinen eigenen Rhythmus hat. Dass es Zeiten gibt, in denen alles nach draußen drängt, wächst und laut und lebendig ist. Und andere, in denen wir die Tür hinter uns schließen, eine Tasse Tee aufbrühen und lieber ein wenig näher bei uns selbst bleiben.
Nicht jeder Tag muss voller Tatendrang sein. Nicht jede Woche muss etwas Neues hervorbringen. Ein Garten, der sich im Herbst zurückzieht, ist deshalb ja nicht weniger schön. Er verändert nur sein Gesicht. Die Samenstände bleiben stehen, das Laub bedeckt die Erde, und unter der Oberfläche geschieht manches, das wir nicht sehen können.
Vielleicht tut uns dieser Gedanke gut: Auch wir dürfen unseren Rhythmus verändern. Wir dürfen manches loslassen, ohne gleich zu wissen, was an seine Stelle tritt. Wir dürfen langsamer werden und trotzdem voller Leben sein.
Die Jahreszeiten machen außerdem spürbar, wie kostbar ein Augenblick ist. Die ersten Schneeglöckchen berühren uns auch deshalb so sehr, weil wir auf sie gewartet haben. Die Pfingstrosen sind nicht das ganze Jahr über da, und genau darum stellen wir uns vielleicht jeden Tag vor ihre Vase und sehen nach, wie weit sie sich geöffnet haben.
Und die Herbstsonne? Die bekommt von mir jetzt besonders viel Aufmerksamkeit. Ich weiß ja, dass sie sich bald rarer machen wird.

Der Herbst sitzt auch mit am Tisch
Mit den Jahreszeiten zu leben, bedeutet für mich nicht nur, das Haus anders zu schmücken. Es bedeutet auch, zu essen, worauf die Natur gerade Lust macht.
Jetzt ist die Zeit für Kürbisse und knorrige Wurzeln, für Pilze, Lauch und Kohl. Für Äpfel, die duften, und Birnen, die man behutsam anfassen muss, weil sie plötzlich genau richtig reif sind. Aus all dem lassen sich Gerichte zaubern, die schon beim Kochen das Haus verwandeln.
Ich denke an eine duftende Quiche, frisch aus dem Ofen, vielleicht mit Lauch oder Pilzen. An eine Suppe aus geröstetem Butternutkürbis mit gebratenem Salbei – und, in meinem Fall, mit ein wenig würziger Rindswurst. An einen Apfelkuchen, dessen Duft sich langsam durch alle Zimmer schleicht, oder an einen Birnenkuchen, zu dem man eigentlich nur noch eine Kanne Tee und ein paar liebe Menschen braucht.
Für mich liegt darin eine besondere Art von Gemütlichkeit. Nicht alles muss aufwendig sein. Manchmal genügt es, Gemüse zu schneiden, den Ofen anzuschalten und zu wissen, dass gleich etwas Warmes auf dem Tisch steht. Draußen wird es früher dunkel, drinnen klappern Teller, und für eine Weile darf der Tag ganz einfach sein.
Das Essen verbindet uns mit dem, was gerade wächst und geerntet wird. Es gibt dem Jahr einen Geschmack: Erdbeeren schmecken für mich nach dem Versprechen des Sommers, Tomaten nach sonnigen Tagen und Äpfel nach dem Beginn jener Zeit, in der man wieder gerne eine Jacke überzieht.

Den Augenblick nicht überspringen
Natürlich kann ich mich über all die glitzernden Weihnachtsdinge freuen. Ich liebe die Vorfreude, das Überlegen und das Sammeln von Ideen. Doch manchmal habe ich den Eindruck, dass wir vor lauter Vorfreude beinahe vergessen, uns über das zu freuen, was schon da ist.
Wenn wir im Oktober gedanklich bereits den Weihnachtsbaum schmücken, wer schaut dann noch den Blättern beim Fallen zu? Wer bemerkt, wie schön die Sonne auf dem Holzboden liegt? Und wer isst noch in aller Ruhe ein Stück warmen Apfelkuchen, wenn im Kopf schon die Plätzchendose geöffnet wird?
Die Natur lässt sich davon glücklicherweise wenig beeindrucken. Der Baum vor dem Fenster wirft seine Blätter ab, auch wenn im Schaufenster gegenüber schon Kunstschnee liegt. Er hat seinen eigenen Kalender. Und ich versuche, ab und zu wieder einen Blick hineinzuwerfen.
Rainer Maria Rilke beginnt sein Gedicht Herbsttag mit den Worten:
„Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“
Ich mag diesen Satz, weil er dem Sommer seinen Platz lässt und zugleich anerkennt, dass etwas Neues beginnt. Wir müssen uns nicht entscheiden, welche Jahreszeit die schönste ist. Wir dürfen sie verabschieden, wenn ihre Zeit gekommen ist – und die nächste willkommen heißen, wenn sie wirklich vor der Tür steht.
So bleibe ich jetzt noch ein wenig beim Herbst. Ich sammle seine Farben und Formen ein, stelle eine Birne auf den Tisch, zünde am Abend eine Kerze an und freue mich über jeden Sonnenstrahl, der den Weg in mein Wohntheater findet.
Und Weihnachten? Das kommt. Ganz bestimmt. Es hat es bisher noch jedes Jahr geschafft.

Zwei weitere Zeilen von Rilke, die zu deinem Thema passen könnten:
„gib ihnen noch zwei südlichere Tage“
— aus Herbsttag: ein schöner Wunsch für die letzten warmen Herbsttage.
„Die Blätter fallen, fallen wie von weit“
— aus Herbst: eine zarte Zeile für einen stillen Herbstmoment.
