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Der Fall mit dem langen Hals

Ein kleiner Kürbiskrimi aus dem Wohntheater

Andere greifen zum Hokkaido. Ich bleibe beim Butternut. Schon seine eigenwillige Form gefällt mir so gut, dass er bei mir oft erst einmal zur Dekoration gehört. Zwischen Kerzen und anderen Herbstschätzen macht er eine ausgezeichnete Figur. Doch irgendwann führt sein Weg von der Fensterbank in den Backofen.

Diesmal wurde daraus eine kleine Kriminalgeschichte. Mit verdächtigen Gewürzen, einem verschwundenen Rezept und meiner Geheimzutat: Salbei. Die gebratene Rindwurst spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Aber ich will der Ermittlung nicht vorgreifen.

Ein Kürbis unter Verdacht

Als mein geheimes Rezept verschwand, hatte ich bereits die Zwiebel geschält.

Das war ungünstig. Ich wollte die beste Kürbissuppe des Herbstes kochen. Zugegeben: Den Wettbewerb hatte ich selbst ausgerufen. Aber deshalb konnte man ihn trotzdem ernst nehmen.

Ich durchsuchte die Schublade, hob das Schneidebrett an und sah unter der Zeitung nach. Nichts.

Auf der Fensterbank stand mein Butternut zwischen zwei Kerzen. Mit seinem langen Hals sah er aus, als hätte er etwas beobachtet, das ihn nichts anging.

Ich betrachtete ihn genauer.

Eigentlich gehörte er zur Dekoration. Allerdings hatte er sich in den vergangenen Tagen so gut in meine Küche eingefügt, dass ich beinahe vergessen hätte, weshalb ich ihn ursprünglich gekauft hatte.

Nun musste er mit einer beruflichen Veränderung rechnen.

Zunächst aber galt es, den Fall zu lösen.

Auf dem Tisch lagen Thymian, Rosmarin und Salbei. Daneben standen Curry, Paprika und ein kleines Glas Piment d’Espelette. Ich musterte die Reihe. Einer musste schließlich wissen, wie aus einem eher zurückhaltenden Kürbis eine bemerkenswerte Suppe wurde.

Der Piment d’Espelette trug ein französisches Etikett und schwieg. Das wirkte auf mich zunächst verdächtig. Andererseits war mein Französisch für ein ordentliches Verhör kaum ausreichend.

Ich öffnete das Glas und schnupperte vorsichtig.

Vielleicht lag hier das Geheimnis? Oder doch beim Curry? Ein Hauch Muskat?

Ich stellte alles bereit. Dann räumte ich die Hälfte wieder weg. Mein Kürbis sollte Gelegenheit bekommen, selbst etwas zur Sache zu sagen.

Die Hitze schien mehr zu wissen

Ich halbierte ihn und entfernte die Kerne. Unter seiner schlichten Schale leuchtete das Fruchtfleisch warm und orange. Für jemanden, der tagelang bloß herumgestanden hatte, besaß er erstaunlich viel Innenleben.

Die Hälften kamen in den Ofen.

Während ich weiter nach dem Rezept suchte, begann es zu duften. An den Rändern wurde der Kürbis goldbraun. Der Duft war süßlich, warm und leicht nussig.

Ich machte mir eine gedankliche Notiz: Die Hitze schien mehr zu wissen.

Dann nahm ich den Salbei zur Hand.

Schon beim Zerkleinern stieg mir sein Duft in die Nase. Plötzlich erinnerte ich mich wenigstens an das Wichtigste: Der Salbei war meine Geheimzutat.

Er lag die ganze Zeit offen auf dem Tisch. Ein ausgezeichnetes Versteck. Ich hatte sämtliche Gewürzdosen untersucht und den entscheidenden Hinweis beinahe mitgegossen.

Ich erhitzte Olivenöl und gab den gehackten Salbei, Zwiebel, Knoblauch und die klein gewürfelte Kartoffel hinein. Es zischte verheißungsvoll. Dann kam ein Teil der Brühe dazu, damit die Kartoffel weich kochen konnte.

Den Rosmarinzweig legte ich zurück.

Er durfte heute als unbescholtener Küchenbewohner nach Hause gehen.

Eine heiße Spur unter dem Salbeitopf

Als ich den Salbeitopf auf die Fensterbank zurückstellen wollte, entdeckte ich die Spur.

Darunter ragte eine Ecke Papier hervor.

Ich zog den Zettel heraus.

Meine preisgekrönte Kürbissuppe, stand oben.

Die Preisverleihung hatte ich offenbar schon bei der Niederschrift vorweggenommen.

Darunter waren zwei Wörter unterstrichen:

Salbei. Rindwurst.

Natürlich. Es gab einen Komplizen.

Ich drehte das Blatt um. Auf der Rückseite stand in meiner Handschrift:

Unter den Salbeitopf legen. Der wackelt.

Ich erinnerte mich.

Der Fall war aufgeklärt. Eine Festnahme erschien mir unter diesen Umständen übertrieben.

In einer Pfanne briet ich die Rindwurst, bis sie schön gebräunt war. Sie machte dabei so viel Aufhebens, dass von einer heimlichen Beteiligung kaum die Rede sein konnte.

Ich löste das weiche Kürbisfleisch aus der Schale, gab es zur Suppe und pürierte alles cremig.

Dann begann der Teil, bei dem auch das beste Rezept gelegentlich schweigen muss.

Ich probierte.

Etwas Salz. Eine kleine Prise Piment d’Espelette. Noch einen Löffel kosten.

Der Salbei gab der milden Süße des Kürbisses genau die würzige Tiefe, nach der ich gesucht hatte. Der Piment meldete sich mit einer feinen Wärme im Hintergrund. Er hatte offenbar beschlossen, bei seiner Aussage zu bleiben.

Zum Schluss verteilte ich die gebratene Rindwurst auf der Suppe.

Ich nahm einen Löffel mit allem.

Damit war auch der letzte Zweifel beseitigt.

Der Fall ist aufgegessen

Der Salbei hatte die Fäden gezogen. Die Rindwurst hatte ihm Rückendeckung gegeben. Und der Butternut, den ich zunächst für einen schweigsamen Zeugen gehalten hatte, war die Hauptsache gewesen.

Ich setzte mich an den Tisch.

Nach dem zweiten Löffel stand der Sieger fest.

Nach der zweiten Schale war auch die Jury satt.

Nur die Fensterbank sah etwas leer aus.

Für nächstes Jahr würde ich zwei Butternutkürbisse kaufen. Einen für die Suppe. Einen für die Dekoration.

Den zweiten würde ich allerdings im Auge behalten.

Jetzt interessiert mich eure Küchenakte: Welche Zutat macht eure Kürbissuppe besonders? Und darf ein Kürbis bei euch auch erst einmal dekorativ herumstehen, bevor er im Topf landet?

Eure Anette
anettes-jardin | Mein Wohntheater

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